Nov 13 2011

Bolivia adonde vas?

In den letzten 8 Monaten ist eine Menge passiert; Jahre könnten damit gefüllt werden ohne langweilig zu sein. Die NGO Soforthilfe  ist nicht mehr die Alte. Personalwechsel auf allen Ebenen, administrative Veränderung, Einsparungen und der inzwischen sehr gute Kontakt zur Deutschen Botschaft unterstützen den Prozeß der Erneuerung und Konsolidierung der Soforthilfe. Die langjährige Direktorin und ihr Ehemann haben gekündigt, die stellvertretende Direktorin weilt seit Mitte April in Deutschland um neue Kräfte zu sammeln. Der Vorstand bat mich Mitte April die Geschäfte zu übernehmen. Nach einigem Überlegen, schließlich hatte ich bereits andere Pläne für meine berufliche Zukunft ins Auge gefasst, stimmte ich zu. Representate Legal einer christlichen Organisation in demVielvölkerstaat zu sein sein ist mit viel Hindernissen verbunden. Ausländische NGOs haben hier nichts zu lachen. Das hat sich bis heute nicht geändert, im Gegenteil, es hat sich massiv verschärft. Letzte Woche rief mich ganz früh die Botschaft an um zu erfahren, ob ich noch im Lande bin, ob es staatlicherseits Represalien gegenüber der Soforthilfe gibt. Die gibt es, massiv. Wir stehen unter Beobachtung, bekommen fast jede Woche ein Schreiben der Regierung, die uns eine neue Auflage bringt oder ein Verbot. Der Kindernothilfe e.V. geht es genauso. Und noch schlimmer; ihr Representante Legal wurde abgeschoben und des Landes verwiesen, nachdem die Organisation ihre christlichen Vereinsstatuten nicht schnell genug geändert hatten und der so wichtige Vertrag zwischen NGO und Regierung nicht zustande kam. Alle christlichen Begriffe, wie Gott, Glaube, christliche Werte sollten durch moralisch, ethische Begrifflicheiten ersetzt werden. Uns geht es genauso. Seit April versuchen wir den Vertrag zu erneuern, bringen beglaubigte Papiere bei, bezahlen Unsummen dafür, und immer wieder wird bei der Überprüfung etwas Neues beanstandet.Vertreter des deutschen Außenministeriums und Vertreter der deutchen Botschaft haben bereits, sowohl in Berlin als auch in La Paz, viele Gespräche mit Vertretern auf bolivianischer Seite geführt, aber ohne Erfolg. Die Entwicklungsgelder werden hier gerne angenommen, aber die Gegenleistung hält sich sehr in Grenzen. Die Deutsche Botschaft unterstützt uns, wo es ihr möglich ist, muss aber selbst gegen Mühlenräder kämpfen. Freitag war wieder mal so ein Tag, an dem die zuständige Dame in La Paz der Soforthilfe einenn weiteren Riegel zur Erneuerung des Vertrags, der die Aufenthaltsgenehmigung der ausländischen Mitarbeiter und die Arbeitserlaubnis insgesamt für die Soforthilfe, beinhaltet, vorgeschoben hat.

Deutsche Botschaft subvensionierte die neue Praxis der Soforthilfe

Von der Deutschen Botschaft eingerichtete Praxis der SH


Mrz 31 2011

Primer Congreso Latinoamericano de Salud

28. bis 31.03. 2011. Der erste Lateinamerikanische Gesundheitskongreß zum Thema “Soziale Begrenzungen und Teilnahme der Bürgerschaft”, findet in La Paz statt. 14 Länder, v.a. aus Latein- und Südamerika, nehmen teil. Referenten aus Mexiko, Kolumbien, Chile, Uruguay, Paraguay, Peru, USA und Bolivien erzählen von Projekten, politischen Richtlinien, Gesetzen, Zielen und Erfolgen. Ein großes Thema ist die Begrenzung der gesundheitlichen Versorgung durch den Género, die Ungleichbehandlung und Diskriminierung der indigenen Frauen, häusliche und sexuelle Gewalt gegenüber Frauen. 42,5 % der Lateinamerikanischen Frauen haben am eigenem Leib körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren, 16,5 % sind psychischer Gewalt und Demütigungen ausgesetzt. Deshalb proklamiert frau: “No más secretos de lo privado; ni abuso de poder!” So erzählte uns heute früh die kämpferische, leidenschaftliche Ex Gesundheitsministerin  von Chile. Wer erlaubt irgendwem an jemanden Gewalt auszuüben? Warum meinen erschreckend viele Männer Frauen misshandeln und sexuel demütigen zu dürfen? Wer um Himmels Willen, meint ein Recht auf einen anderen Mensch zu haben?

In meiner Mittagspause, auf einem Spaziergang, beobachte ich, wie ein junger Mann einer Jugendlichen, beides Schüler, so schätze ich,  den Weg versperrt, sie ständig berührt und nicht akzeptiert, dass sie NEIN sagt und schreit. Was kann man an dem Satz: “Rühr mich nicht an! ” nicht verstehen? Ich frage von der anderen Straßenseite laut zu den beiden hinüber: “Brauchen Sie Hilfe?” und zu ihm ” Sie müssen lernen Respekt vor einer Frau zu haben. Respektieren Sie den Willen und das Nein dieser Frau”. Schließlich lässt er von ihr ab und das junge Mädchen kann weglaufen. Warum meint man, man könne sich über den Willen eines anderen hinwegsetzen. Was geht in uns Menschen nur vor?


Mrz 14 2011

Catástrofe natural

Ich weiß, die Überschwemmungen und Erdrutsche hier in Bolivien sind kein Vergleich zu der Katastrophe in Japan. Es ist unvorstellbar furchtbar, was in Japan passiert ist und noch passieren kann. Trotzdem leiden auch hier  die Menschen unter den Folgend er Naturgewalten. Hier in Bolivien, in La Paz ist es glimpflich abgegangen. Departamentos sind überschwemmt, Häuser zerstört, und obwohl es 14 ooo Obdachlos gewordenen Menschen gibt,  sind keine Totoen zu beklagen.
Jael ausgestattet mit Kleiderspenden, März 2011

Jael ausgestattet mit Kleiderspenden, März 2011

Unsere Stromausfälle, kein fließend Wasser zur Verfügung haben usw. wurden bis jetzt immer innerhalb eines Tages behoben. In Auffang- und Hilfslagern werden betroffene Menschen betreut undversorgt. Die Bolivianer zeigen sich sehr solidarisch und mitfühlend, Hilfsorganisationen packen an und auch die Regierung hilft.

Wir sind vor Schlimmerem bewahrt worden

und beten für die Menschen inJapan, dass noch Schlimmeres aus bleibt.
Jael, Tochter einer betroffenen Familie, die alles verloren hat
Jael, Tochter einer betroffenen Familie, die alles verloren hat

Eines der vielen Hilfslager in La Paz

Eines der vielen Hilfslager in La Paz


Feb 13 2011

Diospi Suyana

“Wir vertrauen Gott” bedeutet der Name des Missionskrankenhaus in Curahuasi, einem kleinen Ort in 2600m Höhe mitten in den peruanischen Anden. Es ist nicht irgendein Krankenhaus, Diospi Suyana ist ein Missionspital für die Quechua-Indianer, Nachfahren der Inkas. Peru fasziniert durch ein reiches Kulturerbe, das spanische und indianische Einflüsse miteinander verbindet. Auf der anderen Seite macht es durch die krassen sozialen Gegensätze seiner Bewohner betroffen. Von bitterer Armut sind besonders die Nachfahren der stolzen Inkas betroffen, die sich nicht nur wirtschaftlich zeigt, sondern in medizinischer Hinsicht durch eine extrem hohe Kindersterblichkeit, chronischer Unter- oder Mangelernährung und ein verminderte Lebenserwartung. Als ich am Dienstag eine Führung durch das Krankenhaus bekam, erzählte der peruanische Logistiker von der Entstehung desselben. Unglaublich, was und wer, welche Firmen im In- und Ausland, v.a. aus Deutschland, gespendet und geschenkt haben: Einen Computertomograph, Ausstattung für die neu eröffnete Zahnklinik mit modernen Röntgengeräten u.v.m., einen Generator, Solartechnik, Aufzug, Stoffe, Ambulanzwagen usw. Samstagabend stellen sich die kranken Quechuas bereits vor der Eingangstür des Hospitales an, damit sie Montag auch ganz gewiss behandelt werden. Die Eingangshalle ist mit geduldig wartenden Patienten gefüllt; muss jemnad stationär bleiben, übernimmt das Krankenhaus, also die Spender,die Begleichung aller nötigen Kosten. Das ist in Südamerika nicht üblich, denn das Krankenhaus gibt nur Verordnung an den Patienten, die von der Familie beglichen werden muss.

Haupteingang des Krankenhauses

Bettenstation

Zahnarztklinik


Jan 6 2011

Einen Tag später

Im Osten geht die Sonne unterAbendstimmung nach dem Unwetter


Jan 6 2011

Sommer in La Paz

20 minuten Eishagel: 11 Gebäude zerstört...Klein aber OHO

20 minuten Eishagel, 11 Gebäude zerstört, ein Kind verlertzt, Sommer in La Paz

Am 03.01 2011 überraschte ein nur kurze Zeit dauerndes Unwetter La Paz. Eishagel, das  in 20 Minuten 11 Gebäude zerstörte. Increible. So also muss man sich den Sommer in La Paz vorstellen. Regenzeit, Unwetter und, wenn die Sonne mal durchscheint 30 Grad.  


Dez 28 2010

Alle Jahre wieder…

… kommt nicht nur Weihnachten in La Paz, sondern auch Preiserhöhungen, Streiks, Blockaden. La Paz im Ausnahmezustand! Los choferes están en huelga inlimitada. Da kann man nur sagen “Fröhliche Weihnachten”. Das Benzin, auch der Diesel, stiegen zwischen 57 und 82 %. Increible! Ein Liter Diesel kostete gestern 3,72 Bolivianos, heute 6,80 Bolivianos, also 82% mehr. Ein Liter “gasolina especial” stieg von 4,72 auf 7,51 Bs. Und das, nachdem ich nach wochenlangen Tramites (Behördengänge) und schließlich durch Beziehungen unserer Öffentlichkeitsbeauftragten endlich den Permiso (Erlaubnis) zur Führung eines Fahrzeuges in Bolivien erworben habe. Nunja, con calma, no te preocupes, tranquilidad hermana, paciencia. Tengo. Algunas veces. 

Doch nicht nur die Benzinpreise stiegen: Preise für Fleisch und für das hier nicht wegzudenkende pollo (Hühnchen) stiegen, nachdem Kartoffeln, Gemüse und Obst bereits im Oktober kräftig anstiegen. Besonders hart trifft aber die Erhöhung des Brotpreises um fast 100%. Das ist für Mittwoch angekündigt. Was bleibt also dem armen Volk übrig? Blockaden. Momentan kommt keiner nach La Paz rein und keiner raus; das erzeugt ein beklemmendes Gefühl. Nicht dass ich jetzt unbedingt außerhalb La Paz zu tun hätte, aber zu wissen, das man nicht kann, wenn man wollte, ist beunruhigend, zumal dieses Mal die Blockaden auf unbegrenzte Zeit angesetzt worden sind. Das höchste Staatsoberhaupt ließ all diese Preiserhöhung von seinem Vize bekannt geben, aber die Menschen sind auf ihren Präsidenten wütend, vergessen sind die Gesetze, die sie gnädig und gewogen stimmen sollten: Gleichstellung der Indigenen mit der übrigen Bevölkerung, Ley de la educacíon, ley de pensiones, Schutz der Pacha Mama, Einführung und Gleichstellung der indogenen Rechtssprechung (Lynchmorde, öffentliche Verbrennungen von Dieben, usw)  mit dem bisherigen Rechtsverständnis. Mal sehen, wie es weitergeht.

Nichts desto Trotz war mein Weihnachten wunderschön. Tagsüber haben mein Team und ich mit verschiedenen Straßengruppen gefeiert. Unser Bäcker hatte dazu eine Menge Weihnachtskuchen gespendet. Die Wochen zuvor gab es eine Weihnachtsfeier nach der anderen. Jedes der Zentren feierte ihre Clausura mit Zertifikatsübergabe für Schulfähigkeit oder erfolgreich absolvierter Rehabilitation oder anderen Auszeichnungen. Besonders schön fand ich die Weihnachtsfeier der Redonda. 170 Menschen, dazu circa 30 Kinder kamen zusammen. Wir hatten ein Programm vorbereitet von gemeinsam bekannten Liedern singen, ein deutsches Weihnachtslied singen, Andacht, Pantomime, besonderes Weihnachtessen mit Pudding zum Nachtisch usw. Also das was der Papst auch gemacht hat, nur das bei ihm wohl 350 Obdachlose zum Dinner geladen waren.Postre


Dez 14 2010

Eine Begebenheit während der Straßenarbeit

Wie jeden Donnerstag besuchen wir zuerst die Gruppe X, oben am Berg. Als wir zu dritt oben ankommen weint eine Frau ununterbrochen. Ich kann sie kaum richtig verstehen, ihre Erklärungen sind immer wieder von Weinkrämpfen unterbrochen , außerdem ist sie ziemlich stark angetrunken. Eines aber kann ich heraushören: Sie möchte nach Hause. Nach Hause heißt in ihr Zimmerchen, in dem auch die Mutter und der jüngste, 9 jährige Sohn wohnen. Um den Jungen geht es wohl. Nach einer kurzenAndacht, Gebet und Essen verteilen gehen wir mit ihr den steilen Abhang runter. Entlang eines Baches, der eine Kloake ist. Die Frau, ich nenne sie mal Maria, fällt einmal voll hin, sie hat Stöckelschuhe an, manchmal der ganze Stolz einer Frau, die ihr Leben in der Straße verbringen muss. Aber es passiert nichts. Wir sind schon fast am Auto, als Maria an einer Stelle – rechte Seite der Felsberghang,  linke Seite der tiefgelegte Bach, der inzwischen nur aus Kloake besteht und in ein Betonbett eingelegt ist. Der Weg ist hier nur 15 cm breit und etwas abschüssig. Mario läuft vorne und reicht ihr die Hand, ich bin knapp hinter ihr und sehe wir sie etwas umknickt und kopfüber in das Betonbett fällt. Sie kommt auf dem Kopf an und schlägt dann mit dem ganzen Körper auf der Wirbelsäule auf. Der Kopf der ganze Körper liegt in der Kloake, der Kopf aber an der tiefsten Stelle. Einen Moment lang sind wir alle starr vor Schreck, jemand stößt einen Schrei aus, ich renne los auf die andere Seite der Kloake und springe rein, Maria ist bewusstlos, ich ziehe sie raus, damit sie nicht ertrinkt. Ein Mitarbeiter ist nun auch zur Stelle. Maria wacht auf. Zusammen stellen wir sie auf die Beine, nachdem sie versichert, hatte, dass alles soweit in Ordnung ist. Ich kann es nicht fassen! Ein anderer Mitarbeiter steht bleich oben am Rand, ich schicke ihn zum Auto, die Kleidung, die ich heute für die andere Gruppe dabei hatte, runterzuholen, damit wir Maria umziehen können. Gesicht und Haare sind total dreckig. Männer der Gruppe helfen Maria nach oben ans Ufer zu ziehen, der Mitarbeiter und ich helfen von unten nach. Ich möchte mit ihr ins KH fahren, aber sie versichert immer wieder, dass alles in Ordnung ist. Sie weiß ihren kompletten Namen, ihr Geburtsdatum, das heutige Datum usw. Sie kann alles bewegen, hat nirgends Taubheitsgefühle usw. Ich bestehe darauf, dass unser Arzt informiert wird, der Nachmittag bei ihr vorbeischauen will. Also fahren wir sie nachhause. Zuhause ist keiner, die Tür ist abgeschlossen, der Schlüssel nicht in seinem Versteck. Muttern ist auf dem Markt, der Junge – weiß keiner. Das Vorhängeschloss scheint unüberwindbar, nicht so für Maria; mit einem Eisenstab verbiegt sie die Schlossvorrichtung und bricht bei sich selbst ein. Die Nachbarn beobachten uns, sind aber nicht feindlich gesinnt, geben bereitwillig Auskunft, nämlich dass sie nichts wissen, weder den Namen der Mutter, noch sonst etwas. Dabei sind hier die Nachbarn, wirklich die Zimmernachbarn; ein großer Stoff ersetzt die Haustür. Leider nicht bei Marias Zimmer. Aber wir sind drin. Es ist klein, besteht aus einem großen und einem kleineren Bett. Kleidung sauber und sorgfältig zusammengelegt, stapelt sich an der einen Zimmerseite, von der Decke hängen Discs runter, Poster von irgendwelchen Helden verdecken die dunklen Wände. Das Zimmer ist so sauber, wie man ein solches, unverputztes Zimmer eben nur halten kann. Wir reden mit Maria, sagen ihr, was sie jetzt Schritt für Schritt machen soll, angefangen beim Duschen und Umziehen. Nach einiger Zeit verabschieden wir uns, mit dem Versprechen, das der Arzt und ein Mitarbeiter Nachmittags wiederkommen.


Okt 24 2010

Permiso für die Gefängnisarbeit

Nach langen Wochen des Wartens wurde mir der Permiso (Genehmigung) ausgestellt in den 3 Gefängnissen La Paz Besuche zu machen und Kinderstunden zu halten. Durch den Wechsel der Direktoren, sowohl des Männer- als auch des Frauengefängnisses, fühlte sich bis vor Kurzem keiner so recht zuständig und die Anträge wurden in die Warteschlange geschoben. Von 2000 und 2008 kenne ich alle drei Einrichtungen und in San Pedro, dem Männergefängnis, hat sich seitdem nicht viel geändert. Immer wieder überraschend, wenn auch etwas beklemmend: In der Gefängnisstadt San Pedro, in der Innenstadt von La Paz gelegen, gibt es keine Wärter. Diese stehen nur am Eingang durch Gitter vom ersten Innenhof von den in Trauben an den Gitternstäben hängenden Gefangenen getrennt. Als erstes musste ich meinen Reispass abgeben, was in mir das Gefühl einer Entrechtenden aufsteigen ließ. Ist ma ohen Pass und gültiges Visum überhaupt eine Person mit Rechten? Ich schob die Gedanken beiseite und tat so, als ob ich das jeden Tag machen würde. In San Pedro leben circa 1500 Gefangene, auch -zumeist wegen Drogendelikten einsitzende- Ausländer, dazu kommen circa 1000 Familienangehörige, also Ehefrauen, Partnerinnen und deren Kinder. Geregelt wird das Gefängnis von internen Machtstrukturen, Banden, die für “Recht und Ordnung” sorgen, Lideres, die das Sagen haben. Wer neu ins Gefängnis kommt muss sich entweder hochdienen oder hochkaufen. Den Gefangen wird ihr Geld bei der Einlieferung nicht abgenommen, muss man sich doch eine Zelle mieten und wer kein Geld hat, schläft halt im Hof auf dem Steinboden. Wer das strengkontinentale Klima des Hochlandes kennt, weiß, dass das kein Vergnügen ist. Ansonsten herrscht hier der pure Imperialismus. Mit Geld kann man sich hier alles kaufen und leisten, exclusives Essen, Drogen, Musik, Filme, Arbeitsmaterialien, Frauen. Es gibt kleine Zahnarztpraxen, die von Inhaftierten betrieben werden, Restaurantes, kleinere Schmuckbetriebe usw. Trotzdem ist es kein Zuckerschlecken hier einzusitzen. Oft wartet man sehr lange, bis überhaupt der eigenen “Fall” juristisch bearbeitet wird. Und wenn man nicht gerade zu der High Society von San Pedro gehört, ist man nicht nur Gefangener des Staates Boliviens, sondern auch Sklave der Drogenbosse.

Samstag nachmittag geht ein kleines Team der Soforthilfe, zu dem ich seit heute auch gehöre, in dieses Gefängnis um den dort wohnenden Kindern eine Kinderstunde anzubieten. Kindgerechte Lieder, Gebet, Geschichte und Bastelarbeit werden abgeschlossen mit einer Tasse Kakao und einem Butterbrötchen. Wir begannen die Stunde mit 24 Kinder. Im Laufe der Zeit verdoppelte sich die Anzahl. Die Kinder leben mit ihrem Vater im Gefängnis, die meisten besuchen das colegio, die Schule, die am selben Platz angesiedelt ist, wie das Gefängnis. Das Leben ist rauh, die kleineren Kindern sind rüden Attacken der Älteren ausgesetzt. Es herrscht schon bei den Kindern eine Gossensprache, die zarte Ohren rot werden lassen, Konflikte werden mit Schlägen gelöst und der Stärkere hat immer Recht und nimmt sich dies auch. Ein bisschen Menschlichkeit vorleben und den Kindern für 2 Stunden Kindsein ermöglichen, darin sehe ich den Sinn in unserer regelmäßig stattfindenen Aktion. Mehr kann  es nicht sein, 2 Stunden in einer Woche. Unser SH Team darf wieder raus, die Kinder bleiben wer weiß wie viele Jahre innerhalb der Gefängnismauern, und dann, was wird dann aus ihnen?


Sep 26 2010

Imaginate

Sonnenuntergang am See