Eine Begebenheit während der Straßenarbeit
Wie jeden Donnerstag besuchen wir zuerst die Gruppe X, oben am Berg. Als wir zu dritt oben ankommen weint eine Frau ununterbrochen. Ich kann sie kaum richtig verstehen, ihre Erklärungen sind immer wieder von Weinkrämpfen unterbrochen , außerdem ist sie ziemlich stark angetrunken. Eines aber kann ich heraushören: Sie möchte nach Hause. Nach Hause heißt in ihr Zimmerchen, in dem auch die Mutter und der jüngste, 9 jährige Sohn wohnen. Um den Jungen geht es wohl. Nach einer kurzenAndacht, Gebet und Essen verteilen gehen wir mit ihr den steilen Abhang runter. Entlang eines Baches, der eine Kloake ist. Die Frau, ich nenne sie mal Maria, fällt einmal voll hin, sie hat Stöckelschuhe an, manchmal der ganze Stolz einer Frau, die ihr Leben in der Straße verbringen muss. Aber es passiert nichts. Wir sind schon fast am Auto, als Maria an einer Stelle – rechte Seite der Felsberghang, linke Seite der tiefgelegte Bach, der inzwischen nur aus Kloake besteht und in ein Betonbett eingelegt ist. Der Weg ist hier nur 15 cm breit und etwas abschüssig. Mario läuft vorne und reicht ihr die Hand, ich bin knapp hinter ihr und sehe wir sie etwas umknickt und kopfüber in das Betonbett fällt. Sie kommt auf dem Kopf an und schlägt dann mit dem ganzen Körper auf der Wirbelsäule auf. Der Kopf der ganze Körper liegt in der Kloake, der Kopf aber an der tiefsten Stelle. Einen Moment lang sind wir alle starr vor Schreck, jemand stößt einen Schrei aus, ich renne los auf die andere Seite der Kloake und springe rein, Maria ist bewusstlos, ich ziehe sie raus, damit sie nicht ertrinkt. Ein Mitarbeiter ist nun auch zur Stelle. Maria wacht auf. Zusammen stellen wir sie auf die Beine, nachdem sie versichert, hatte, dass alles soweit in Ordnung ist. Ich kann es nicht fassen! Ein anderer Mitarbeiter steht bleich oben am Rand, ich schicke ihn zum Auto, die Kleidung, die ich heute für die andere Gruppe dabei hatte, runterzuholen, damit wir Maria umziehen können. Gesicht und Haare sind total dreckig. Männer der Gruppe helfen Maria nach oben ans Ufer zu ziehen, der Mitarbeiter und ich helfen von unten nach. Ich möchte mit ihr ins KH fahren, aber sie versichert immer wieder, dass alles in Ordnung ist. Sie weiß ihren kompletten Namen, ihr Geburtsdatum, das heutige Datum usw. Sie kann alles bewegen, hat nirgends Taubheitsgefühle usw. Ich bestehe darauf, dass unser Arzt informiert wird, der Nachmittag bei ihr vorbeischauen will. Also fahren wir sie nachhause. Zuhause ist keiner, die Tür ist abgeschlossen, der Schlüssel nicht in seinem Versteck. Muttern ist auf dem Markt, der Junge – weiß keiner. Das Vorhängeschloss scheint unüberwindbar, nicht so für Maria; mit einem Eisenstab verbiegt sie die Schlossvorrichtung und bricht bei sich selbst ein. Die Nachbarn beobachten uns, sind aber nicht feindlich gesinnt, geben bereitwillig Auskunft, nämlich dass sie nichts wissen, weder den Namen der Mutter, noch sonst etwas. Dabei sind hier die Nachbarn, wirklich die Zimmernachbarn; ein großer Stoff ersetzt die Haustür. Leider nicht bei Marias Zimmer. Aber wir sind drin. Es ist klein, besteht aus einem großen und einem kleineren Bett. Kleidung sauber und sorgfältig zusammengelegt, stapelt sich an der einen Zimmerseite, von der Decke hängen Discs runter, Poster von irgendwelchen Helden verdecken die dunklen Wände. Das Zimmer ist so sauber, wie man ein solches, unverputztes Zimmer eben nur halten kann. Wir reden mit Maria, sagen ihr, was sie jetzt Schritt für Schritt machen soll, angefangen beim Duschen und Umziehen. Nach einiger Zeit verabschieden wir uns, mit dem Versprechen, das der Arzt und ein Mitarbeiter Nachmittags wiederkommen.