Dez 28 2010

Alle Jahre wieder…

… kommt nicht nur Weihnachten in La Paz, sondern auch Preiserhöhungen, Streiks, Blockaden. La Paz im Ausnahmezustand! Los choferes están en huelga inlimitada. Da kann man nur sagen “Fröhliche Weihnachten”. Das Benzin, auch der Diesel, stiegen zwischen 57 und 82 %. Increible! Ein Liter Diesel kostete gestern 3,72 Bolivianos, heute 6,80 Bolivianos, also 82% mehr. Ein Liter “gasolina especial” stieg von 4,72 auf 7,51 Bs. Und das, nachdem ich nach wochenlangen Tramites (Behördengänge) und schließlich durch Beziehungen unserer Öffentlichkeitsbeauftragten endlich den Permiso (Erlaubnis) zur Führung eines Fahrzeuges in Bolivien erworben habe. Nunja, con calma, no te preocupes, tranquilidad hermana, paciencia. Tengo. Algunas veces. 

Doch nicht nur die Benzinpreise stiegen: Preise für Fleisch und für das hier nicht wegzudenkende pollo (Hühnchen) stiegen, nachdem Kartoffeln, Gemüse und Obst bereits im Oktober kräftig anstiegen. Besonders hart trifft aber die Erhöhung des Brotpreises um fast 100%. Das ist für Mittwoch angekündigt. Was bleibt also dem armen Volk übrig? Blockaden. Momentan kommt keiner nach La Paz rein und keiner raus; das erzeugt ein beklemmendes Gefühl. Nicht dass ich jetzt unbedingt außerhalb La Paz zu tun hätte, aber zu wissen, das man nicht kann, wenn man wollte, ist beunruhigend, zumal dieses Mal die Blockaden auf unbegrenzte Zeit angesetzt worden sind. Das höchste Staatsoberhaupt ließ all diese Preiserhöhung von seinem Vize bekannt geben, aber die Menschen sind auf ihren Präsidenten wütend, vergessen sind die Gesetze, die sie gnädig und gewogen stimmen sollten: Gleichstellung der Indigenen mit der übrigen Bevölkerung, Ley de la educacíon, ley de pensiones, Schutz der Pacha Mama, Einführung und Gleichstellung der indogenen Rechtssprechung (Lynchmorde, öffentliche Verbrennungen von Dieben, usw)  mit dem bisherigen Rechtsverständnis. Mal sehen, wie es weitergeht.

Nichts desto Trotz war mein Weihnachten wunderschön. Tagsüber haben mein Team und ich mit verschiedenen Straßengruppen gefeiert. Unser Bäcker hatte dazu eine Menge Weihnachtskuchen gespendet. Die Wochen zuvor gab es eine Weihnachtsfeier nach der anderen. Jedes der Zentren feierte ihre Clausura mit Zertifikatsübergabe für Schulfähigkeit oder erfolgreich absolvierter Rehabilitation oder anderen Auszeichnungen. Besonders schön fand ich die Weihnachtsfeier der Redonda. 170 Menschen, dazu circa 30 Kinder kamen zusammen. Wir hatten ein Programm vorbereitet von gemeinsam bekannten Liedern singen, ein deutsches Weihnachtslied singen, Andacht, Pantomime, besonderes Weihnachtessen mit Pudding zum Nachtisch usw. Also das was der Papst auch gemacht hat, nur das bei ihm wohl 350 Obdachlose zum Dinner geladen waren.Postre


Dez 14 2010

Eine Begebenheit während der Straßenarbeit

Wie jeden Donnerstag besuchen wir zuerst die Gruppe X, oben am Berg. Als wir zu dritt oben ankommen weint eine Frau ununterbrochen. Ich kann sie kaum richtig verstehen, ihre Erklärungen sind immer wieder von Weinkrämpfen unterbrochen , außerdem ist sie ziemlich stark angetrunken. Eines aber kann ich heraushören: Sie möchte nach Hause. Nach Hause heißt in ihr Zimmerchen, in dem auch die Mutter und der jüngste, 9 jährige Sohn wohnen. Um den Jungen geht es wohl. Nach einer kurzenAndacht, Gebet und Essen verteilen gehen wir mit ihr den steilen Abhang runter. Entlang eines Baches, der eine Kloake ist. Die Frau, ich nenne sie mal Maria, fällt einmal voll hin, sie hat Stöckelschuhe an, manchmal der ganze Stolz einer Frau, die ihr Leben in der Straße verbringen muss. Aber es passiert nichts. Wir sind schon fast am Auto, als Maria an einer Stelle – rechte Seite der Felsberghang,  linke Seite der tiefgelegte Bach, der inzwischen nur aus Kloake besteht und in ein Betonbett eingelegt ist. Der Weg ist hier nur 15 cm breit und etwas abschüssig. Mario läuft vorne und reicht ihr die Hand, ich bin knapp hinter ihr und sehe wir sie etwas umknickt und kopfüber in das Betonbett fällt. Sie kommt auf dem Kopf an und schlägt dann mit dem ganzen Körper auf der Wirbelsäule auf. Der Kopf der ganze Körper liegt in der Kloake, der Kopf aber an der tiefsten Stelle. Einen Moment lang sind wir alle starr vor Schreck, jemand stößt einen Schrei aus, ich renne los auf die andere Seite der Kloake und springe rein, Maria ist bewusstlos, ich ziehe sie raus, damit sie nicht ertrinkt. Ein Mitarbeiter ist nun auch zur Stelle. Maria wacht auf. Zusammen stellen wir sie auf die Beine, nachdem sie versichert, hatte, dass alles soweit in Ordnung ist. Ich kann es nicht fassen! Ein anderer Mitarbeiter steht bleich oben am Rand, ich schicke ihn zum Auto, die Kleidung, die ich heute für die andere Gruppe dabei hatte, runterzuholen, damit wir Maria umziehen können. Gesicht und Haare sind total dreckig. Männer der Gruppe helfen Maria nach oben ans Ufer zu ziehen, der Mitarbeiter und ich helfen von unten nach. Ich möchte mit ihr ins KH fahren, aber sie versichert immer wieder, dass alles in Ordnung ist. Sie weiß ihren kompletten Namen, ihr Geburtsdatum, das heutige Datum usw. Sie kann alles bewegen, hat nirgends Taubheitsgefühle usw. Ich bestehe darauf, dass unser Arzt informiert wird, der Nachmittag bei ihr vorbeischauen will. Also fahren wir sie nachhause. Zuhause ist keiner, die Tür ist abgeschlossen, der Schlüssel nicht in seinem Versteck. Muttern ist auf dem Markt, der Junge – weiß keiner. Das Vorhängeschloss scheint unüberwindbar, nicht so für Maria; mit einem Eisenstab verbiegt sie die Schlossvorrichtung und bricht bei sich selbst ein. Die Nachbarn beobachten uns, sind aber nicht feindlich gesinnt, geben bereitwillig Auskunft, nämlich dass sie nichts wissen, weder den Namen der Mutter, noch sonst etwas. Dabei sind hier die Nachbarn, wirklich die Zimmernachbarn; ein großer Stoff ersetzt die Haustür. Leider nicht bei Marias Zimmer. Aber wir sind drin. Es ist klein, besteht aus einem großen und einem kleineren Bett. Kleidung sauber und sorgfältig zusammengelegt, stapelt sich an der einen Zimmerseite, von der Decke hängen Discs runter, Poster von irgendwelchen Helden verdecken die dunklen Wände. Das Zimmer ist so sauber, wie man ein solches, unverputztes Zimmer eben nur halten kann. Wir reden mit Maria, sagen ihr, was sie jetzt Schritt für Schritt machen soll, angefangen beim Duschen und Umziehen. Nach einiger Zeit verabschieden wir uns, mit dem Versprechen, das der Arzt und ein Mitarbeiter Nachmittags wiederkommen.