Permiso für die Gefängnisarbeit

Nach langen Wochen des Wartens wurde mir der Permiso (Genehmigung) ausgestellt in den 3 Gefängnissen La Paz Besuche zu machen und Kinderstunden zu halten. Durch den Wechsel der Direktoren, sowohl des Männer- als auch des Frauengefängnisses, fühlte sich bis vor Kurzem keiner so recht zuständig und die Anträge wurden in die Warteschlange geschoben. Von 2000 und 2008 kenne ich alle drei Einrichtungen und in San Pedro, dem Männergefängnis, hat sich seitdem nicht viel geändert. Immer wieder überraschend, wenn auch etwas beklemmend: In der Gefängnisstadt San Pedro, in der Innenstadt von La Paz gelegen, gibt es keine Wärter. Diese stehen nur am Eingang durch Gitter vom ersten Innenhof von den in Trauben an den Gitternstäben hängenden Gefangenen getrennt. Als erstes musste ich meinen Reispass abgeben, was in mir das Gefühl einer Entrechtenden aufsteigen ließ. Ist ma ohen Pass und gültiges Visum überhaupt eine Person mit Rechten? Ich schob die Gedanken beiseite und tat so, als ob ich das jeden Tag machen würde. In San Pedro leben circa 1500 Gefangene, auch -zumeist wegen Drogendelikten einsitzende- Ausländer, dazu kommen circa 1000 Familienangehörige, also Ehefrauen, Partnerinnen und deren Kinder. Geregelt wird das Gefängnis von internen Machtstrukturen, Banden, die für “Recht und Ordnung” sorgen, Lideres, die das Sagen haben. Wer neu ins Gefängnis kommt muss sich entweder hochdienen oder hochkaufen. Den Gefangen wird ihr Geld bei der Einlieferung nicht abgenommen, muss man sich doch eine Zelle mieten und wer kein Geld hat, schläft halt im Hof auf dem Steinboden. Wer das strengkontinentale Klima des Hochlandes kennt, weiß, dass das kein Vergnügen ist. Ansonsten herrscht hier der pure Imperialismus. Mit Geld kann man sich hier alles kaufen und leisten, exclusives Essen, Drogen, Musik, Filme, Arbeitsmaterialien, Frauen. Es gibt kleine Zahnarztpraxen, die von Inhaftierten betrieben werden, Restaurantes, kleinere Schmuckbetriebe usw. Trotzdem ist es kein Zuckerschlecken hier einzusitzen. Oft wartet man sehr lange, bis überhaupt der eigenen “Fall” juristisch bearbeitet wird. Und wenn man nicht gerade zu der High Society von San Pedro gehört, ist man nicht nur Gefangener des Staates Boliviens, sondern auch Sklave der Drogenbosse.

Samstag nachmittag geht ein kleines Team der Soforthilfe, zu dem ich seit heute auch gehöre, in dieses Gefängnis um den dort wohnenden Kindern eine Kinderstunde anzubieten. Kindgerechte Lieder, Gebet, Geschichte und Bastelarbeit werden abgeschlossen mit einer Tasse Kakao und einem Butterbrötchen. Wir begannen die Stunde mit 24 Kinder. Im Laufe der Zeit verdoppelte sich die Anzahl. Die Kinder leben mit ihrem Vater im Gefängnis, die meisten besuchen das colegio, die Schule, die am selben Platz angesiedelt ist, wie das Gefängnis. Das Leben ist rauh, die kleineren Kindern sind rüden Attacken der Älteren ausgesetzt. Es herrscht schon bei den Kindern eine Gossensprache, die zarte Ohren rot werden lassen, Konflikte werden mit Schlägen gelöst und der Stärkere hat immer Recht und nimmt sich dies auch. Ein bisschen Menschlichkeit vorleben und den Kindern für 2 Stunden Kindsein ermöglichen, darin sehe ich den Sinn in unserer regelmäßig stattfindenen Aktion. Mehr kann  es nicht sein, 2 Stunden in einer Woche. Unser SH Team darf wieder raus, die Kinder bleiben wer weiß wie viele Jahre innerhalb der Gefängnismauern, und dann, was wird dann aus ihnen?


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