Die Schluckerin (von Eisabeth Wigger)
In der Zeitung stand, dass Grimmich & Co. eine Schluckerin suchten. Ich hatte zwar keine Ahnung, was unter einer Schluckerin verstanden wird, aber ich fühlte mich als weibliche Ausgabe eines armen Schluckers; es konnte gut sein, dass sie so etwas meinten und das die Beifügung „arm“ im Inserat nur aus platz- und geldsparenden Gründen unterblieben war.
Der Personalchef von Grimmich & Co. empfing mich schlechtgelaunt und fragte sofort nach Referenzen. Ich sagte ihm, dass ich noch nie als Schluckerin gearbeitet hätte, aber ich sei seit fünfzehn Jahren verheiratet und…..
„In diesem Fall kann ich auf Referenzen und Tests verzichten“, unterbrach er mich. „Sie sind für diesen Posten geradezu prädestiniert.“ Ich hätte gern gewusst, was man überhaupt von mir erwartete; aber er drückte uninteressiert einen Knopf der Tastatur auf dem Schreibtisch, woraufhin ein sympathischer Herr in mittleren Jahren erschien. Er hatte ein schuldbewusstes Gesicht, schien ziemlich verwirrt, weil der Personalchef noch eine Weile schwieg, und sah fragend zu mir herüber.
„Herr Ribbelzan wird Sie mit Ihren Pflichten bekannt machen“, sagte der Personalchef, „er ist schon seit Jahren in unserem Betrieb. Guten Morgen.“
Herr Rippelzan hatte es eilig, mit mir im Schlepptau das Büro zu verlassen. Im Korridor fragte er nach meinem Namen und begrüßte mich als Kollegin mit Handschlag und dem Zunftgruß „Schluck-Auf“. Während wir auf dem 40 m langen Gang zum Fahrstuhl gingen, sagte er tröstend: „Es ist gar nicht so schlimm, wie es aussieht. In solch einem großen Betrieb geht ja dauernd etwas schief. Wenn nun jedes Mal die Schuldigen vor die hohen Chefs zitiert und getadelt würden, wäre das ein untragbarer Ausfall von Arbeitszeit – und kraft. Ein berühmter Rationalisierungsfachmann hat deshalb dem Personalchef vorgeschlagen, eigens für diese Tätigkeit Spezialisten einzusetzen; natürlich ohne Wissen der Direktion, versteht sich. Die Praxis hat gezeigt, dass diese Schlucker, wie man sie nennt, eine ausgleichende Wirkung haben und dass sie ihr Geld wert sind. Und weil von ihnen keine richtige Arbeit verlangt wird, erreichen sie natürlich Höchstleistungen im Herunterschlucken, während bei den unter Arbeitshochdruck stehenden Angestellten jederzeit mit Explosionen gerechnet werden muss.“
Für uns Schlucker war ein riesiger Büroraum eingerichtet. Da wir keine Verwaltungsarbeit zu tun hatten, wunderte ich mich über die vielen und anscheinend auch gefüllten Ordner und Mappen. „Das sind Vorgänge“, erklärte Herr Rippelzahn, „mit denen im ganzen Haus keiner etwas anfangen kann. Nachdem sie von allen Abteilungen abgezeichnet worden sind, schreibt der letzte, dem man sie zuschiebt, einfach drauf: Rippelzan, oder demnächst“ – mit einer leichten Verbeugung in meine Richtung – „auch Frau Maltrat.“ „Ja, aber,“ sage ich etwas fassungslos, „man kann doch Akten nicht einfach so verschwinden lassen. Gewiss braucht man sie eines Tages, und dann…“
„Eben, eben.“ Rippelzan freute sich, dass ich es erfasst hatte. Dann kommt man in die Schluckerabteilung, und siehe da, der Rippelzan oder die Frau Maltrat haben natürlich die unerledigte Sache abgeheftet. Das sind sozusagen Sternstunden oder manchmal auch –tage für Schlucker. Da wird unsere Kapazität aber auch restlos ausgenutzt. Nicht nur die Chefs, nein, auch alle Abteilungen machen uns dann nach Strich und Faden herunter.“
„Aber, es geht doch nicht an, dass dieselben Angestellten, die den Vorgang mit dem Vermerk `Rippelzan` an unsere Abteilung abgeschoben haben, die Schluckerabteilung für Versäumnisse und Fehler verantwortlich machen, die sie selbst gemacht haben.“
„Sie haben mich noch nicht ganz begriffen, Frau Maltrat, Verzeihung. Seit Schlucker im Betrieb sind, dürfen die Angestellten sich einfach nicht mit der Einsicht, Entschuldigung oder Ärger aufhalten. Achtzig Prozent der Arbeitskraft würden dadurch fehlgeleitet und blieben unproduktiv. Ich zitiere den Rationalisierungsfachmann.“
Das Telefon summte. Rippelzan nahm den Hörer ab. Ich hörte wie sich wüste Beschimpfungen über ihn ergossen, die in einem drohenden Ultimatum endeten. Zu meiner Verwunderung legte Rippelzan ganz sanft wieder auf, nahm einen Ordner aus dem Regal und aus diesem einen sauber zusammengefalteten Vorgang, der fast unmittelbar danach von einem Bürolehrling abgeholt wurde. „Wenigstens brauche ich nicht zum Alten“, meinte er zufrieden. Aber er hatte sich zu früh gefreut. Beim nächsten Telefonklingeln wurde Herr Kobbeloh zum Chef befohlen.
Rippelzan rückte seine Krawatte zurecht, kämmte sich noch schnell vor dem Spiegel und ging zur Tür. „Aber Sie sind doch nicht Herr Knobbeloh“, sagte ich.
„Natürlich nicht“, sagte er amüsiert. „Welcher Chef kennt seine Angestellten schon. Wenn ich eintrete, bin ich eben Knobbeloh , bekomme meine Epistel zu hören und bin wieder draußen.“ „Und sie erscheinen für schätzungsweise dreihundert Herren stellvertretend, ohne dass es einer merkt?“ „Für vierhundertzwanzig genau,“ berichtigte er mich zwischen Tür und Angel, „und Sie werden sogar für sechshundert weibliche Angestellte geradestehen. Auf später.“
Im Stillen flehte ich, dass nicht jetzt ausgerechnet eine der Damen im Hause sich den Zorn eines Vorgesetzten zuziehen möge. Noch fühlte ich mich den Anforderungen noch nicht gewachsen.
Ob man hier rauchen durfte? Ich tat es einfach. Irgendwie musste ich mich beruhigen. Zum Glück kam Herr Rippelzan bald darauf zurück. „Das war ein dicker Hund“, meinte er schmunzelnd. „Eine hochwichtige Sache anscheinend total vermasselt. Wahrscheinlich geht ein Zweimillionenauftrag durch die Lappen.“ „Und“, fragte ich atemlos, „wird nun Knobbeloh gefeuert? Und wie überhaupt konnten Sie Fragen zu dieser Angelegenheit beantworten? Sie wissen doch gar nichts davon?“ „Ist auch nicht nötig, Maltrat“, sagte er jetzt schon sehr kollegial. „Kein Chef lässt einen Angestellten jemals eine Erklärung oder Meinung vorbringen. Was er erwartet, ist restlose Zerknirschung. Und ich muss sagen, heute hab ich eine Zerknirschung hingelegt, die zwei Millionen wert war. Ich sagte ja schon, ein dicker Hund.“ Er brannte sich eine Zigarette an und fachsimpelte weiter: „Sehen Sie, Maltrat, wenn der Knobbeloh jetzt wüsste, dass er so gut wie entlassen war, was meinen Sie wohl, was dann wäre. Der wär doch erledigt, völlig unfähig zu arbeiten, und das noch mindestens für eine weitere Woche. Merken Sie jetzt, wie der Hase läuft?“
Ich verstand endlich. Ich wappnete mich, übte vor dem Spiegel Zerknirschung bis zur Selbstaufgabe und suggerierte mir eine Elefantenhaut an. Und – ich hatte Erfolg! Während der acht Monate, die ich als Schluckerin arbeitete, konnte ich 123 Gehaltskürzungen, 14 Strafanträge und 28 Entlassungen verhindern, laut Rippelzan eine großartige Bilanz. Mein Gehalt war jeden Monat erhöht worden, ohne dass ich dahinterkam, wie es verbucht wurde. Aber das sollte nicht meine Sorge sein.
Ich stolperte natürlich über eine lächerliche Kleinigkeit. Eines Tages, in der Saure-Gurken-Zeit –
30 Grad im Schatten hatten jede Aktivität nahezu lahm gelegt -, saß ich mit Rippelzan in unserem Büro. Wir rauchten behaglich, tauschten Berufserfahrungen aus und waren guter Dinge, als plötzlich die Tür aufgerissen wurde und der Direktor hereinstürzte. Ein bedauerlicher Irrtum; sein Büro lag zwei Stockwerke höher, genau über dem unsrigen, aber bei solcher Hitze waren Irrtümer möglich. Schon wollte er sich mit eine knapper Entschuldigung zurückziehen, als ihm wohl zum Bewusstsein kam, dass da zwei Angestellte seines Betriebes in herausfordernder Untätigkeit herumsaßen und Privatgespräche führten. Das war zu viel.
Mit einem schneidendem „Ich erwarte Sie in fünf Minuten in meinem Büro“, knallte er die Tür zu und traf oben, wie ich annahm, Vorbereitungen zu unserem Empfang. Und jetzt machten wir beide, Rippelzan und ich, den Kardinalfehler aller armen Schlucker: Wir wehrten uns. Natürlich hatten wir uns nichts dergleichen vorgenommen. Aber wir hatten ein gutes Gewissen und trugen es zur Schau. Uns wäre gar nicht der Gedanke der Zerknirschung gekommen. Schließlich waren wir zur Zeit nicht im Dienst. Das erklärt auch, warum wir sogar versuchten Erklärungen abzugeben; ein Vorhaben, das bei der Stimmgewalt des Direktors von vornherein aussichtslos war. Als bei Rippelzan und mir endlich der Groschen fiel, war die Kündigung ausgesprochen, und wir standen draußen.
Es muss gesagt werden, dass die gesamte Belegschaft auf unserer Seite war, sogar der Personalchef. Wir hätten auch weiterhin segensreich in diesem Betrieb wirken können, ohne dass es einer der leitenden Herren überhaupt gemerkt hätte. Man beschwor uns auch zu bleiben. Aber man vergaß das spezifische Ehrgefühl der armen Schlucker. Da hatten wir nun erfolgreich geschluckt und immer wieder geschluckt. Und ebenso prompt hatten wir versagt, als wir es in eigener Sache tun sollten. Das war ein Makel in unserer Berufsehre, der nur mit dem freiwilligen Ausscheiden aus der Firma gelöscht werden konnte.
In unseren übrigens ausgezeichneten Zeugnissen steht denn auch die Floskel: „Verlässt uns auf eigenen Wunsch.“ Das ist sehr angenehm, wenn wir uns demnächst einen neuen Wirkungskreis suchen wollen.